Ratgeber
Mangelernährung im Alter erkennen: Anzeichen bei Senioren und was hilft
Mangelernährung bei Senioren zeigt sich oft an ungewolltem Gewichtsverlust, locker sitzender Kleidung, Müdigkeit, Schwäche und wenig Appetit, wird aber leicht für Altersschwäche gehalten. Bei Menschen ab 65 Jahren spricht man nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin von Unterernährung, wenn der BMI unter 20 liegt und jemand ungewollt mehr als fünf Prozent seines Gewichts in drei Monaten verliert. Helfen können angereicherte Speisen, Zwischenmahlzeiten, gemeinsames Essen, Ernährungsberatung und, wenn das nicht reicht, ärztlich verordnete Trinknahrung.
Mangelernährung bei Senioren entwickelt sich meist langsam. Der Appetit lässt nach, Mahlzeiten fallen aus, die Hose sitzt lockerer, und irgendwann fehlt die Kraft für den Einkauf. Weil Müdigkeit und Schwäche oft als Altersschwäche gelten, bleibt eine Mangelernährung im Alter leicht unerkannt [2]. Dieser Ratgeber erklärt, woran du sie erkennst, woher sie kommt und was laut Leitlinie hilft. Eine erste Einschätzung für dich oder einen Angehörigen gibt der Check zum Ernährungsrisiko im Alter.
Was Mangelernährung bedeutet
Die Vernetzungsstelle Seniorenernährung der Verbraucherzentrale NRW unterscheidet zwei Formen. Bei der quantitativen Mangelernährung, der Unterernährung, nimmt jemand über längere Zeit zu wenig Energie auf. Nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, die die Verbraucherzentrale NRW wiedergibt, liegt sie bei Menschen ab 65 Jahren vor, wenn der Body-Mass-Index (BMI) unter 20 liegt und ein ungewollter Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent in drei Monaten besteht. Bei der qualitativen Mangelernährung fehlen Nährstoffe wie Eiweiß oder Vitamine, obwohl genug Energie ankommt. Sie kann auch Menschen mit Normal- oder Übergewicht treffen. Bei hochbetagten Menschen fehlt meist beides gleichzeitig [2].
Ärztinnen und Ärzte gehen in zwei Schritten vor. Zuerst zeigt ein geprüftes Screening, ob ein Risiko besteht. Danach folgt die eigentliche Untersuchung. Die internationalen GLIM-Kriterien verlangen für die Diagnose mindestens ein körperliches Merkmal, nämlich ungewollten Gewichtsverlust, einen niedrigen BMI oder verringerte Muskelmasse, und dazu eine Ursache, etwa eine verringerte Nahrungsaufnahme oder eine Entzündung durch Krankheit [5].
Wie häufig Mangelernährung im Alter ist
Wie viele ältere Menschen betroffen sind, hängt stark davon ab, wo sie leben und wie krank sie sind. Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) zur Ernährung in der Geriatrie nennt für selbstständig lebende ältere Menschen meist Anteile unter zehn Prozent. Unter älteren Patientinnen und Patienten im Krankenhaus steigt der Anteil auf bis zu zwei Drittel [1]. Besonders im hohen Alter und bei akuten oder chronischen Krankheiten kommt es schnell dazu, weil eine geringe Essmenge und der Abbau durch die Krankheit zusammenwirken [1].
Anzeichen: Woran du eine Mangelernährung erkennst
Die Verbraucherzentrale NRW nennt Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Gewichtsabnahme und allgemeine Schwäche als mögliche Zeichen. Sichtbar wird eine Mangelernährung an locker sitzender Kleidung, eingefallenen Wangen, hervortretenden Knochen sowie trockener Haut und Schleimhaut. Auch wer Speisen und Getränke ablehnt, kann betroffen sein. Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust gilt als Warnsignal [2].
Der britische Gesundheitsdienst NHS beschreibt ungewollten Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent oder mehr über drei bis sechs Monate als eines der Hauptzeichen. Dazu kommen wenig Interesse an Essen und Trinken, ständige Müdigkeit, Schwäche und häufige Infekte, von denen man sich nur langsam erholt. Menschen ab 65 Jahren sind laut NHS besonders gefährdet, und Gewichtsverlust ist keine unvermeidliche Folge des Alters [4]. Wer regelmäßig auf die Waage steigt oder merkt, dass Gürtel, Ringe oder Zahnprothese lockerer sitzen, bemerkt die Veränderung früher.
Ursachen: Warum ältere Menschen zu wenig essen
Mit dem Alter nimmt die Muskelmasse ab, der Grundumsatz sinkt, und der Körper braucht weniger Energie. Der Bedarf an Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen bleibt nach Angaben der Verbraucherzentrale aber gleich [3]. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt für Menschen ab 65 Jahren einen Schätzwert von 1,0 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht am Tag an, für jüngere Erwachsene 0,8 Gramm [8]. Wenn die Portionen kleiner werden, reicht das Essen deshalb schneller nicht mehr aus.

Appetitlosigkeit ist besonders im hohen Alter weit verbreitet. Die Verbraucherzentrale nennt als mögliche Gründe hormonelle Veränderungen, weniger Speichel, einen Magen, der sich langsamer leert, und früheres Sattsein. Hinzu kommen Kau- und Schluckprobleme, nachlassende Sinne, Krankheiten, Medikamente, Einsamkeit und fehlende Kontakte [3]. Geruch und Geschmack werden schwächer, süß und salzig schmecken oft weniger intensiv, und Medikamente, eine veränderte Mundschleimhaut oder Zahnprothesen können das verstärken [3]. Die Verbraucherzentrale NRW ergänzt Übelkeit durch Medikamente, Depression und Demenz und nennt für Pflegeeinrichtungen den Einzug, ungünstige Essenszeiten und nicht erkannten Hilfebedarf [2].
Auch gut gemeinte Diäten können schaden. Die ESPEN-Leitlinie hält Einschränkungen beim Essen, die die Essmenge begrenzen, für möglicherweise schädlich und rät, sie zu vermeiden [1]. Wer wegen Diabetes, Blutfetten oder Blutdruck vor Jahren strenge Regeln bekommen hat, kann in der Praxis fragen, ob sie noch passen. Die Leitlinie empfiehlt zudem, Ursachen gezielt zu suchen: das Schlucken prüfen, die Zähne untersuchen und Medikamente auf Nebenwirkungen wie Appetitverlust, Mundtrockenheit oder Geschmacksstörungen durchsehen [1]. Wie du den Überblick über deine Medikamente behältst, erklärt der Ratgeber Viele Medikamente im Alter.
Eine Depression kann den Appetit nehmen. Eine deutliche Gewichtsänderung oder ein veränderter Appetit gehört zu den Zeichen einer Depression, und die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, ältere Menschen mit Depression auf Mangelernährung zu untersuchen [1]. Eine Einschätzung deiner Stimmung gibt der Altersdepression-Test.
Folgen für Kraft, Abwehr und Genesung
Bei älteren Menschen geht Gewichtsverlust vor allem auf Kosten der Muskeln und ist mit schlechterer körperlicher Leistungsfähigkeit verbunden. Bettruhe und wenig Bewegung beschleunigen den Abbau von Muskelmasse und Kraft [1]. Die Verbraucherzentrale NRW beschreibt, wie sich das aufschaukelt: Der Muskelabbau erhöht die Sturzgefahr, die Abwehr wird schwächer, und Knochenbrüche oder Infektionen verschlechtern den Ernährungszustand weiter [2]. Die ESPEN-Leitlinie verbindet Mangelernährung mit mehr Infektionen, längeren Krankenhausaufenthalten, langsamerer Erholung und einem höheren Sterberisiko. Sie gilt außerdem als ein Baustein bei der Entstehung von Sarkopenie, also dem krankhaften Verlust von Muskelkraft und Muskelmasse, und von Gebrechlichkeit [1]. Was gegen den Muskelabbau hilft, beschreibt der Ratgeber Muskelkraft im Alter erhalten.
Was hilft: Maßnahmen im Überblick
Die ESPEN-Leitlinie setzt auf mehrere Bausteine, die sich ergänzen und auf die Person zugeschnitten sein sollen. Die Tabelle zeigt, was die Leitlinie und die Verbraucherzentralen für Menschen mit Mangelernährung oder einem Risiko dafür nennen.

| Maßnahme | Was dahintersteckt | Beleg |
|---|---|---|
| Mehrere kleine Mahlzeiten | Über den Tag verteilt, regelmäßig, mit Kräutern und Gewürzen statt viel Salz und ansprechend angerichtet | [3] |
| Speisen anreichern | Öl, Sahne, Butter oder Eier erhöhen Energie und Eiweiß, ohne dass die Portion größer wird. Genannt werden auch Nüsse, Nussmus, Hülsenfrüchte, Trockenfrüchte und fettreiche Milchprodukte. | [1, 2] |
| Zwischenmahlzeiten und Fingerfood | Snacks zwischen den Mahlzeiten; Fingerfood für alle, denen Besteck oder langes Sitzen schwerfällt | [1] |
| In Gesellschaft essen | Gemeinsame Mahlzeiten regen zum Essen an und können die Lebensqualität verbessern | [1] |
| Essen auf Rädern | Für Menschen, die nicht selbst einkaufen und kochen können; bei Mangelernährung energiereich oder mit zusätzlichen Mahlzeiten | [1] |
| Hilfe beim Essen | Von der richtigen Sitzposition über Erinnern bis zum Anreichen, in Einrichtungen und zu Hause | [1] |
| Ernährungsberatung | Durch eine Ernährungsfachkraft, mindestens zwei Einzeltermine über einen längeren Zeitraum, auch für Angehörige | [1] |
| Trinknahrung | Wenn das Essen nicht reicht: mindestens 400 Kilokalorien und 30 Gramm Eiweiß am Tag, mindestens einen Monat lang, monatlich überprüft | [1] |
| Bewegung | Zusätzlich zur Ernährung, um Muskelmasse und Muskelfunktion zu erhalten | [1] |
Am Anfang steht oft ein Blick darauf, wie viel tatsächlich gegessen und getrunken wird. Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, die Essmenge über mehrere Tage zu beobachten [1], und die Verbraucherzentrale NRW bietet dafür ein Ess- und Trinkprotokoll zum Herunterladen an [2]. Als grobe Orientierung für die Energie nennt die Leitlinie 30 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, für Eiweiß mindestens 1 Gramm pro Kilogramm. Beide Werte sollen an Ernährungszustand, Bewegung, Krankheiten und Verträglichkeit angepasst werden [1]. Was der Eiweißwert für dein Gewicht bedeutet, rechnet der Proteinbedarf-Rechner aus.
Das Anreichern hat den Vorteil, dass die Mahlzeit gleich groß bleibt. In zwei Übersichtsarbeiten, die die Leitlinie auswertet, stieg mit angereicherten Speisen die Aufnahme von Energie (in einer Arbeit bei sieben von neun Studien) und mit Eiweißanreicherung in einigen Studien auch die von Eiweiß [1]. Trinknahrung kommt dazu, wenn diese Schritte nicht genügen. Wichtig ist laut Leitlinie, Sorte, Geschmack und Zeitpunkt an die Vorlieben anzupassen, damit sie auch getrunken wird [1].
Trinken nicht vergessen
Viele ältere Menschen trinken zu wenig, weil sie weniger Durst spüren. Zu wenig Flüssigkeit kann laut Verbraucherzentrale zu trockenen Schleimhäuten, Kopfschmerzen, Schwindel, Kreislaufproblemen, einem höheren Sturzrisiko und manchmal zu Verwirrtheit führen. Sie nennt als Richtwert etwa 1,5 Liter am Tag, bei Hitze, viel Bewegung oder Krankheit mehr. Suppen und wasserreiche Lebensmittel zählen mit. Ein dunkelgelber Urin deutet darauf hin, dass zu wenig Flüssigkeit ankommt [3]. Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, älteren Frauen mindestens 1,6 Liter und älteren Männern mindestens 2,0 Liter Getränke am Tag anzubieten, und hält alle älteren Menschen für gefährdet, zu wenig zu trinken [1]. Wer wegen einer Herz- oder Nierenkrankheit eine Trinkmenge vorgegeben bekommen hat, hält sich an die Absprache mit der Praxis.
Was Angehörige tun können
Angehörige bemerken eine Mangelernährung oft zuerst: am Kühlschrank, an unberührten Mahlzeiten oder an der Kleidung. Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, auch pflegende Angehörige über Ernährungsprobleme zu informieren, damit sie Warnzeichen erkennen und das Essen unterstützen können [1]. Hilfreich sind gemeinsame Mahlzeiten und Hilfe beim Essen, wenn Hände oder Gedächtnis nicht mehr mitspielen [1]. Fällt das Einkaufen und Kochen schwer, kann das Hilfebedarf-Screening zeigen, wo im Alltag Unterstützung fehlt. Sprich deinen Angehörigen offen an und begleite ihn, wenn er einverstanden ist, zum nächsten Arzttermin.

Wann du zum Arzt gehen solltest
Das NHS rät, in die Hausarztpraxis zu gehen, wenn du in den letzten drei bis sechs Monaten ungewollt deutlich abgenommen hast, wenn weitere Zeichen einer Mangelernährung dazukommen oder wenn du dir um eine ältere Person Sorgen machst [4]. Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, alle älteren Menschen regelmäßig auf Mangelernährung zu untersuchen, in der Hausarztpraxis mindestens einmal im Jahr, auch Menschen mit Übergewicht [1]. Nimm zum Termin mit, was du über dein Gewicht der letzten Monate weißt, und deinen Medikationsplan.
Trinknahrung können gesetzlich Versicherte auf Rezept bekommen. Nach der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses ist sie verordnungsfähig, wenn jemand sich nicht ausreichend normal ernähren kann und eine angepasste normale Ernährung oder andere ärztliche, pflegerische oder ernährungstherapeutische Maßnahmen nicht ausreichen [6, 7]. Ob das bei dir zutrifft, entscheidet die Praxis.
- Leitlinie ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clinical Nutrition 41(4):958 bis 989. Volkert D, Beck AM, Cederholm T u. a., European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN). Stand 04/2022. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Mangelernährung: frühzeitig erkennen und handeln. Vernetzungsstelle Seniorenernährung NRW, Verbraucherzentrale NRW. Stand 30.07.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Richtig essen und trinken: Was sich im Alter ändert. Verbraucherzentrale Bundesverband, verbraucherzentrale.de. Stand 21.06.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Malnutrition. National Health Service (NHS), England. Stand 23.05.2023. abgerufen am 28.10.2026
- Leitlinie GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition: a consensus report from the global clinical nutrition community. Clinical Nutrition 38(1):1 bis 9. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD u. a., Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM). Stand 02/2019. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Bilanzierte Diäten zur enteralen Ernährung in der Arzneimittelversorgung. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz § 31 SGB V Arznei- und Verbandmittel, Absatz 5. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
- Fachgesellschaft Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Protein. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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